Schön, aber bitte authentisch!
Zwischen Ästhetik und dem echten Leben.
Es gibt einen Satz, den ich als Fotografin immer wieder höre: „Ich mag keine gestellten Bilder.“ Für jemanden, der sich selbst als Verfechterin authentischer und natürlicher Fotografie sieht, hört man das natürlich gerne. Wenn es aber dann zum Shooting kommt, folgen oft Aussagen wie:
- „Kannst du darauf achten, dass mein Doppelkinn nicht so sichtbar ist?“
- „Bitte keine unvorteilhaften Winkel.“
- oder auch: „Irgendwie sehe ich komisch aus.“
Genau darin zeigt sich etwas, das fast alle Menschen vor der Kamera empfinden: Wir wünschen uns natürliche Bilder, möchten uns darauf aber gleichzeitig gefallen und uns schön finden. Für mich hat das an sich nichts mit Oberflächlichkeit zu tun, sondern mit etwas ganz Menschlichem. Niemand möchte sich auf Fotos fremd oder unwohl fühlen. Besonders nicht dann, wenn man eine Fotografin oder einen Fotografen bewusst bucht und plötzlich das Gefühl hat, „abliefern“ zu müssen.
Gleichzeitig sehnen wir uns nach Bildern, die ehrlich wirken, echte Emotionen zeigen und nicht inszeniert aussehen. Gerade in einer Zeit, in der wir täglich mit perfekter Selbstdarstellung konfrontiert werden. Sind wir es nicht alle leid, auf Social Media von makellosen Posen, künstlichen Szenen und Bildern überschwemmt zu werden, die eher wie eine Werbung für das perfekte Leben wirken?
Wenn Menschen zu mir kommen, sagt kaum jemand: „Ich möchte aussehen wie ein perfektes Model.“ Und trotzdem passiert etwas Interessantes, sobald die fertigen Fotos betrachtet werden. Plötzlich sehen wir uns selbst von außen — etwas, das wir im Alltag eigentlich kaum tun. Wir kennen unser Spiegelbild, unsere „gute Seite“ und die Winkel, in denen wir uns wohlfühlen. Fotos zeigen jedoch oft eine Perspektive, die ungewohnt ist. Genau das kann irritierend sein — besonders dann, wenn wir es gewohnt sind, uns nur in ausgewählten und kontrollierten Momenten zu sehen.
Um eines gleich vorwegzunehmen: Es ist ein Mythos, dass natürliche Fotografie automatisch bedeuten muss, jede Unsicherheit ungefiltert festzuhalten, nur um möglichst „authentisch“ zu wirken. Denn sonst wären die Bilder ja gestellt und inszeniert, oder? Ganz im Gegenteil. Wir denken oft in Gegensätzen. In diesem typischen „Entweder – Oder“. Doch authentische Fotografie bedeutet nicht, dass man sich unvorteilhaft zeigen muss. Genauso wenig ist Fotografie, die jemanden ins beste Licht rückt, automatisch künstlich oder inszeniert.
Genau darin liegt für mich als Fotografin die Herausforderung moderner Fotografie. Wenn ich Menschen fotografiere, geht es mir nicht darum, sie künstlich zu verändern, damit vermeintlich „schönere“ Bilder entstehen. Vielmehr möchte ich sie so zeigen, wie sie sich selbst fühlen möchten. Licht, Perspektive und Bewegung spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle. Authentische Fotografie bedeutet für mich, echte Augenblicke auf eine ästhetische und ehrliche Weise festzuhalten.
Die meisten Menschen möchten gar nicht perfekt aussehen. Sie möchten sich auf Bildern wiedererkennen und dabei ein gutes Gefühl haben. Und ich glaube, genau darüber wird viel zu wenig gesprochen: Wir sind heute so daran gewöhnt, uns ständig durch Kameras, Spiegel und soziale Medien zu betrachten, dass wir oft verlernt haben, uns überhaupt neutral wahrzunehmen. Statt einen Moment oder ein Gefühl zu spüren, suchen wir sofort nach Dingen, die „stören“: ein Ausdruck, ein Winkel, eine Falte oder Haare die vielleicht nicht perfekt sitzen. Irgendetwas, das nicht der Version entspricht, die wir von uns selbst im Kopf abgespeichert haben.
Am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, ob ein Bild perfekt, ästhetisch oder vollkommen natürlich oder ungestellt ist. Viel wichtiger ist, was wir dabei fühlen. Ein gutes Foto zeigt nicht nur den Menschen, sondern erinnert an einen Moment, ein Gefühl oder eine Stimmung. Vielleicht dürfen wir lernen, uns auf Bildern nicht immer zu bewerten, sondern uns selbst mit etwas mehr "Nachsicht" zu begegnen. Denn gerade im Unperfekten entsteht oft das, was ein Bild wirklich ehrlich und lebendig macht. Und genau das ist das Ziel meiner Fotografie.
Eure Susanne