Das Leben im Wandel
Warum wir warten, bis das Leben „fotowürdig“ wird
Der Frühling liegt in der Luft. Die Tage werden länger und wir spüren endlich wieder die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut. Für viele ist es auch die Zeit eines inneren Drangs: Jetzt neu anzufangen. Ich glaube, wir alle kennen dieses Gefühl. Der Jahreswechsel liegt noch nicht lange zurück. Neujahrsvorsätze wurden voller Motivation gefasst, Pläne geschmiedet, sogar Visionen entworfen: eine neue Version von uns selbst. Produktiver, gesünder oder auch einfach glücklicher.
Auch in der Fotografie zeigt sich dieses Bedürfnis nach einem „Neubeginn“ ganz deutlich. Wann lassen wir nämlich Fotos von uns machen? Meist zu einem besonderen Anlass. Sei es ein neuer Lebensabschnitt, ein Jubiläum, eine neue Partnerschaft, eine Hochzeit, die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes. Die Klassiker eben. Wir halten fest, wenn etwas neu ist. Wenn wir uns selbst anders sehen oder gesehen werden wollen. Fotos werden zu einem visuellen Beweis: Hier beginnt etwas. Bevor viele einen Fotografen oder eine Fotografin beauftragen, wird abgewartet, bis das Leben fotowürdig ist oder ein konkreter Anlass gefunden wird. Genau dieses Warten auf den „richtigen und perfekten Moment“ oder die Frage, wann wir uns selbst als „genug“ empfinden, ist kein Zufall. Es spiegelt etwas wider, das weit über die Fotografie hinausgeht.
Zwischen Weiterentwicklung und zwanghafter Selbstoptimierung
Wir leben in einer Zeit, in der Weiterentwicklung und Selbstoptimierung bis hin zur Perfektion fast schon zu unserer Pflicht geworden sind. Überall begegnet uns die Botschaft: Du kannst noch besser werden. Noch produktiver. Noch glücklicher. Ein Durchscrollen im Social Media Feed zeigt dies in einer besonders deutlichen Form: Videos wie „10 Dinge, die du falsch machst“ oder „Die besten Glow-Up Tipps“ überfluten die sozialen Medien und vermitteln uns unter dem Deckmantel hilfreicher „Tipps und Tricks“ die klare Botschaft: So wie du jetzt bist, bist du nicht gut genug. Um hier eines ganz klar vorwegzunehmen: Der Wunsch, sich zu verändern, zu wachsen und zu lernen, ist in allen Phasen unseres Lebens essentiell und überaus wichtig. Doch ab welchem Zeitpunkt lassen wir die Grenze zwischen gesunder Weiterentwicklung und zwanghafter Selbstoptimierung verschwimmen?
Wir springen von einem Ziel zum nächsten, vom nächsten Projekt zur nächsten Idee. Immer in Bewegung, immer mit dem Blick nach vorne. Doch während wir versuchen, die nächste Version unserer selbst zu erreichen, verlieren wir oft den Bezug zu dem, was gerade ist. Im Hier und Jetzt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung: nicht nur besser zu werden oder das nächste Kapitel im Leben zu erreichen, sondern auch im Jetzt zufrieden sein zu können. Nicht erst irgendwann, wenn alles „passt“, sondern mitten im Unperfekten. Denn das Leben passiert nicht erst im nächsten Kapitel. Es passiert genau hier, in den Momenten, die wir so oft übersehen.
Zwischen den großen Momente passiert das Leben
Als Fotografin begleite ich mit großer Freude und ganz viel Herzblut eure großen und besonderen Meilensteine, die ihr feiern und festhalten möchtet. Aber ich möchte euch auch daran erinnern: Euer Leben ist nicht nur dann wert, fotografiert zu werden, wenn etwas „Besonderes“ passiert. Auch all die Momente, die dazwischen liegen, sind genauso wertvoll und auch sie verdienen es, gesehen und erinnert zu werden.
Also warte nicht auf das nächste „fotowürdige“ Kapital. Das Leben besteht nicht aus einer Checkliste, die du Schritt für Schritt abarbeiten musst – wie Partner, Heirat und Familiengründung. Genau deshalb ist die Porträtfotografie für mich etwas so Wertvolles, weil sie sich von all dem löst, keinen Anlass braucht und nicht daran geknüpft ist, ob du der gerade etwas erreicht hast. Du musst nichts vorweisen und nichts sein, außer du selbst. Egal ob du gerade mitten im Leben stehst, am Anfang von etwas Neuem bist oder deinen ganz eigenen Weg gehst, unabhängig davon was uns die Gesellschaft als „richtigen“ Fahrplan für unser Leben vorgibt: Du bist jetzt da, und genau das ist Grund genug.
Alles Liebe,
Eure Susanne